Kill Your Darling

Über das Schreiben einer Kurzgeschichte

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Gesellschaft, Erotik, Horror – für alle Bereiche des Lebens finden sich engagierte Autorinnen und Autoren. Eine Beobachtung, ein Erlebnis, ein Zeitungsbericht – alles kann ein Anlass sein, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Aufrütteln, anprangern oder einfach unterhalten – auch die Intentionen der Schreibenden sind vielfältig.
Genau wie ihre Vorgehensweisen:

Der/die Strukturierte

Da gibt es zunächst einmal diejenigen, die ungern unötig Zeit verschwenden durch Verändern, Streichen oder Umschreiben einer Geschichte. Bevor auch nur das erste Wort zu Papier (seien wir ehrlich: auf den Bildschirm) gebracht wird, muss der Plot stehen, der detaillierte Handlungsverlauf. Wer in der Lage ist, die komplette Handlung im Kopf vorzudenken, Protagonisten passend zu charakterisieren, die Spannungskurve zu formen und natürlich auch die Pointe am Schluss, der kann in der Tat viel Zeit sparen. Dies ist sicher noch viel wichtiger für das Schreiben eines Romans, denn nichts ist ärgerlicher, als auf Seite sechshundert festzustellen, dass doch besser nicht der Gärtner der Mörder gewesen wäre, sondern der Chauffeur. Denn dann muss alles noch einmal aufgedröselt werden und viele hundert Buchseiten werden so schnell zu Müll. Bei einer Kurzgeschichte ist das grundsätzlich nicht anders, und den Text in einem Rutsch runterzuschreiben, sobald die Handlung geplant ist, kann sehr befriedigend sein.

Der/die Entspannte

Doch nicht jeder Autor und nicht jede Autorin ist in der Lage, alles im Kopf vorzudenken, und auch das Arbeiten mit Notizen, Tabellen und Organigrammen ist nicht jedermanns Sache. Aber auch weniger organisierte Menschen sind in der Lage, coole Kurzgeschichten zu schreiben. „Jetzt fangen wir einfach mal an, und dann schauen wir mal weiter ...“, so rheinländisch-entspannt kann man die Aufgabe auch angehen. Man schreibt den ersten Satz, dann den zweiten, erfindet einen ersten Protagonisten und kann dabei zusehen, wie er sich entwickelt. Was hat er für einen Charakter? Warum handelt er so komisch? Und was wird das noch für Folgen haben? All diese Fragen kommen erst beim Schreiben auf und werden auch erst im Schreibprozess entschieden; wenn überhaupt. Das scheint nicht sehr zielgerichtet zu sein, und tatsächlich kann oft selbst der Autor oder die Autorin kaum vorhersehen, wo die Geschichte einmal enden wird. Auf diese Weise blickt man so manches Mal auf seine glücklich fertiggestellte Story zurück und muss zugeben: Thema verfehlt (so es denn eines gab). Aber sei’s drum: ist trotzdem eine coole Geschichte geworden :-)

Sonst noch jemand?

Gibt es noch andere Schreibtypen? Ich glaube, kaum. Dies sind die beiden Extremtypen, was die Herangehensweise angeht, und jeder Autor, jede Autorin hat etwas von dem Einen und von dem Andern in sich. Selten gibt es die Reinform, stattdessen ist wohl jeder/jede Schreibende auf der Suche nach einem ganz persönlichen Mix aus akribischer Planung und freier Inspiration während des Schreibens. Und was ist davon jetzt besser? Wer will das beurteilen? Beides hat Vor- und Nachteile, wie so ziemlich alles auf der Welt. Der/die Strukturierte wird sicher das leichtere Leben haben, ist schneller am Ziel und kommt dort auch sicher an. Der/die Entspannte lässt sich dagegen vielleicht mehr auf die Inspiration durch den eigenen Text ein und findet dadurch zu ganz ungewöhnlichen Ideen, die ihn aber unter Umständen am Ziel vorbei lotsen. Bei einer Auftragsarbeit oder einem Wettbewerbsbeitrag mit Themenvorgabe kann das natürlich sehr hinderlich sein, insbesondere dann, wenn auch die maximale Textlänge vorgegeben ist. Der entspannt Inspirierte wird sicher eher zu Ab- und Ausschweifungen neigen, als der zielorientierte Planer. Und das führt uns direkt zu einem der wichtigsten Dinge, die man nach dem Schreiben einer Kurzgeschichte (und auch eines Romans!) zu tun hat: dem Kürzen.

Kill Your Darling

Es gibt ihn wirklich: den Schreibrausch. Man ist vertieft in eine Szene, hat ein fesselndes Gespräch im Sinn oder eine absurde Situation, eine erschreckende Handlung, und dann schreibt man. Und schreibt. Und schreibt. Und es wäre auch alles ganz toll, wenn, ja wenn da nicht ein bestimmtes Ziel wäre, ein Thema, und dann auch noch die vorgegebene Textlänge. Schnell heißt es: kürzen, rückwärts schreiben also. Schon bei einem Roman sollte jede einzelne Szene in Frage gestellt werden: Ist sie wirklich wichtig für den Gesamttext, fürs Verständnis der Situation, für die Pointe am Ende? Wenn nicht: weg damit. Wieviel wichtiger ist dies für eine Kurz(!)geschichte? Hier stellen sich die genannten Fragen bei jedem Satz, nein, bei jedem Wort.
Das einfachste beim Kürzen sind sicher die Füllwörter. Es gibt so entsetzlich viele, auf die man erst mit jahrelanger Schreiberfahrung zu verzichten lernt.
Schwieriger wird es beim Inhalt. Hält man sich an Ernest Hemingways Eisberg-Modell, dann muss alles gestrichen werden, das beim aufmerksamen Lesen eh klar ist oder das man sich mit etwas Mühe erschließen kann. Etwa 85 Prozent eines Eisbergs liegen unsichtbar unterhalb der Wasseroberfläche, und ebensoviel erzählenswerte Fakten sollten unerzählt bleiben und stattdessen in den Köpfen der Lesenden entstehen. Um aber an diesen Punkt zu gelangen, müssen all die schönen Dinge, die man aus Versehen doch erzählt hat, wieder gestrichen werden. Das ist schmerzhaft, denn in bestenfalls jedem Wort steckt viel Herzblut. Nicht umsonst wird diese absolut notwendige Nacharbeit Kill Your Darling genannt. Schmerzhaft, aber notwendig für eine Kurzgeschichte. Ich behaupte, nahezu jeder Text, so kurz er auch bereits sei, verträgt locker eine Kürzung um 30 Prozent.

Fast jede Erzählung profitiert davon, da Spannung und Gefühle verdichtet werden – und das ist schließlich der Hauptreiz einer Kurzgeschichte!

 

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