Warum Kurzgeschichten?

Ein Plädoyer für ein verkanntes Genre

Anspruch statt Unterhaltung

Krimis und Liebesromane wollen in erster Linie unterhalten. Dies ist sicher ein Hauptgrund, warum sie in Massen verlegt und gelesen werden – und es gibt keinen Grund, das zu kritisieren. Kurzgeschichten aber haben oft einen höheren literarischen, aber auch thematischen Anspruch. Sie wollen berühren, vermitteln, zum Nachdenken anregen oder gar aufwühlen – ob ernst oder heiter. Oft benennen sie Probleme, nur selten lösen sie sie. Wie sollte das auch gehen auf wenigen Seiten?

Kurz, aber lang

Kurzgeschichten sind kurz. Tendentiell. Das heißt aber nicht, dass man schnell mit ihnen fertig wird. Nicht beim Schreiben, aber auch nicht beim Lesen. Eine gute Kurzgeschichte wirkt nach. Unvermittelt hineingeworfen in eine brodelnde Situation wird man am Ende nur halbgar wieder ausgespuckt. Weiterdenken ist gefragt, Fantasie und Einfühlungsvermögen. Ähnlich wie bei Gedichten lohnt es sich, eine Kurzgeschichte noch einmal zu lesen, und nochmal und nochmal ... Über die Handlung lässt sich oft trefflich diskutieren – ein Grund, warum sie als Schulllektüre beliebt sind. Bei weniger kontroversen Themen sind es oft intensive Gefühle, die nachwirken. Es gibt Freunde der Kurzgeschichte, die täglich nur eine davon lesen und sich dann den eigenen Gedanken hingeben.

In der Kürze liegt die Würze

Kurzgeschichten sind kurz. Mehr oder weniger. Je mehr, desto besser. Durch Kürze wird der Inhalt verdichtet und auf Wesentliches eingedampft. Gefühle, Absurditäten und Schockmomente werden intensiver, Scharfes wird schärfer, Bitteres und Saures lässt die Gesichtszüge entgleisen. Oft schnellt der Spannungsbogen gleich zu Beginn in die Höhe, und nicht immer sinkt er zum Ende hin ab, womöglich nicht einmal am Ende der Geschichte. Schafft ein Text dies nicht, sollte er gekürzt werden. Kill Your Darling ist angesagt ...

Rätselhaft

Aufgrund der gebotenen Kürze bleibt Vieles ungesagt. Beschreibungen von Ort und Person, Vorgeschichten oder Erklärungen sind eher unüblich in Kurzgeschichten, dies ist eines ihrer Merkmale. So entsteht – wenn es gut läuft – eine süße Lust oder bittere Last der Ungewissheit. Nicht immer wird klar, was man hier gerade miterlebt. Wer mitdenkt kann sich einiges erschließen bis zum Schluss, doch je mehr offen bleibt, desto spannender bleibt die Zeit nach der Lektüre. Dieses Rätselraten lässt manche Kurzgeschichte spannender sein als einen ellenlangen Krimi und macht sie auf diese Weise doch noch zu Unterhaltung – auf allerhöchstem Niveau.

Unterschätzt

„Kurzgeschichten sind Gesellenstücke vieler Schriftstellerinnnen und Schriftsteller. Viele heute berühmte Autoren haben mit Kurzgeschichten, als Fingerübung und Visitenkarte, begonnen ...“ Dies musste ich bei meiner Recherche lesen und war entsetzt. Wie kann man eine hochwertige Kunstrichtung so maßlos missachten? Gesellenstücke? Fingerübung? Kurzgeschichten können Meisterstücke sein und eindrücklicher als manch ein epischer Roman. Sie haben ihre völlig selbstständige, eigene Art und ihren unverkennbaren Platz in der Liste literarischer Genres.

Kurzgeschichten sind geil!

 

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